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GEGENWARTSLITERATUR 2787

Niemand wird es je erfahren


Als Prüfungsfrage gestellt ist die Novelle diese berühmte „unerhörte Begebenheit“, von der in der Germanistik seit 150 Jahren gesprochen wird. Im Alltagsleben eines Lesers ist die Novelle eine aufwühlende Angelegenheit in einem beschaulichen Leben. Dabei kann dieses beschauliche Leben sich über Autor, Leser oder Helden legen.
Friedrich Hahn lässt in seiner geheimnisvollen Novelle „Niemand wird es je erfahren“ einen Pensionisten auftreten, der die Talsohle des Lebens erreicht hat. Stefan ist nach ein paar Jahren Frührente jetzt echter Rentner, seine Frau ist gestorben, seine Hauptbeschäftigung ist es, gelangweilt zu sein. Dabei betrachtet er seine Bücher und DVD-Sammlung, alles Mögliche könnte er anstellen, um sich vom Nichtstun abzulenken, aber schließlich rappelt er sich mühsam auf, um auf den Naschmarkt zu gehen. Den Erstbesten, den er trifft, wird er vielleicht ansprechen, aber was dann.


Tatsächlich taucht in der Menschenmenge ein ehemaliger Schulfreund auf, das gibt es doch nicht, Karl, der wohl auch in Pension ist. Aufgeregt machen die beiden einen Treff im sogenannten Gebäude aus, wie das Kommunikationszentrum im Stile Kafkas genannt wird. Kurze Zeit später trifft Stefan wie versprochen seinen Karl, seltsam ist nur, dass sonst niemand in der Nähe ist. Karl sitzt in einem Bunker-artigen Raum, der mit Monitoren ausgestopft ist, auf denen Schwarzweiß-Pixel flanieren. Kaum hat Stefan Platz genommen, da verschwindet auch schon Karl, er hat noch einen wichtigen Termin.
In der Folge macht Stefan mit sich selbst die Reflexions-Hölle durch. Wie in einem sprichwörtlichen Todeskampf tauchen die wichtigsten Szenen seines Lebens auf. Angefangen von der Nachäffungs-Rolle, die er als jüngerer Bruder mit AUCH-Sätzen über sich ergehen lassen musste (du sollst AUCH ein Musikinstrument lernen!), bis hin zum Leberschaden, der wenigstens eine günstige Frühpension ausgelöst hatte, kommen allerhand wichtige und unwichtige Stationen seines Lebens vor, die offensichtlich alle die gleiche Wertigkeit haben.Stefan verliert mit sich jedes Zeitgefühl, einmal glaubt er, schon acht Stunden vor den Monitoren zu sitzen, die ausgesprochenen Überwachungs-Müll zeigen. Wenn du nicht weißt, was du sehen willst, siehst du nichts. Die Bilder können Szenen in Echtzeit zeigen oder auch Videoschleifen sein, die zu Testzwecken laufen. Auch in der Literatur gibt es dieses Phänomen, man denke nur an das Glasperlenspiel oder Hermann Burger, der aus dieser Endlosschleife mit Suizid ausgestiegen ist.
Plötzlich bleibt Stefan am Begriff Echtzeit hängen und hängt sich im übertragenen Sinn daran auf, wie etwa eine Nadel in ein einer Schallplattenrille hängenbleibt. Dann gibt es ein doppeltes Erwachen, der Held erwacht im AKH und lässt sich den Filmriss erzählen. Für den Leser gibt es dann noch eine Heldenbefragung im inneren Monolog. Was ist, wenn ich gar nicht Stefan bin?
Als Leser ist man hingerissen, wie aufregend so eine Pension sein kann, wenn man nur seinen Gedanken freien Lauf lässt. Und wieder einmal zeigt sich, das Leben ist eher ein Filmriss als ein Film. Es braucht nicht viel und alle Zeitebenen enden in dieser berüchtigten Echtzeit, die nicht zu fassen ist. Was hinter dem Leben steckt, niemand wird es je erfahren.

Friedrich Hahn: Niemand wird es je erfahren. Novelle.
Oberwart: lex liszt 2018. 98 Seiten. EUR 18,-. ISBN 978-3-99016-140-1.
Friedrich Hahn, geb. 1952 in Merkengersch / NÖ, lebt in Wien.
Helmuth Schönauer 06/11/18


aus: Helmuth Schönauer: Tagebuch eines Bibliothekars. Band VI, 2016–2018. Mit einem
Vorwort von Markus Köhle. Klagenfurt: Sisyphus-Verlag 2019.



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